Mahnmal erinnert an Enteignung der Juden in der NS-Zeit
Bremen (dpa/lni) – Ein neues Mahnmal erinnert seit Sonntag in Bremen an die systematische Enteignung und Ausraubung der Juden während der Zeit des Nationalsozialismus. «Wir müssen uns auf vielen Ebene fragen, wie wir mit diesem Erbe umgehen wollen. Insofern sehe ich die bauliche Fertigstellung des Mahnmals nicht als Schlusspunkt des Projekts, sondern als Doppelpunkt», sagte Initiator Henning Bleyl vor der Einweihung am Sonntag. Es ist nach Angaben des Bremer Senats das erste Mahnmal bundesweit, das explizit die Enteignung, den Abtransport und die Verwertung jüdischen Eigentums thematisiert.
Das Mahnmal nach einem Entwurf von Evin Oettingshausen steht an der Weser – also dort, wo Schiffe damals die geraubten Möbel und Gegenstände aus den besetzten Ländern in Westeuropa nach Bremen brachten. Ein Fenster gewährt einen Blick in einen sechs Meter hohen Schacht und lässt nur erahnen, was sich in der Tiefe verbirgt. «Der Schacht soll die bis heute andauernden Geschichtslücken signalisieren», erklärte Oettingshausen. Von der Weser-Promenade aus sind Blicke durch seitliche Fenster ins Innere des Mahnmals möglich, wo Reliefs von Möbeln zu sehen sind – «in Beton eingelassene Leerstellen».
Bei einem Festakt sprach unter anderem Bremens Regierungschef Andreas Bovenschulte (SPD). Er lobte den Standort: «Er ist künstlerisch überzeugend, und er hat den Rückhalt der Jüdischen Gemeinde.» Elvira Noa von der Jüdischen Gemeinde sagte, dass aus der Erinnerung die Verpflichtung erwachse, das jüdische Leben heute zu erhalten und in jeder Hinsicht, materiell, kulturell und gesellschaftlich zu fördern.
Das Mahnmal habe eine große Bedeutung für Bremen und darüber hinaus, sagte die kulturpolitische Sprecherin der Grünen-Regierungsfraktion, Kai Wargalla. «Es macht sichtbar, dass der Holocaust einer der größten Raubmorde der europäischen Geschichte war.» Am Abend war ein weiterer Festakt auf Einladung der Bremischen Bürgerschaft geplant.
Die Idee zum Mahnmal zwischen den Weserarkaden und der Wilhelm-Kaisen-Brücke hatte Henning Bleyl, nachdem der Schweizer Logistikkonzern Kühne und Nagel bei einer Feier zum 125-jährigen Firmenjubiläum die Verwicklungen beim Transport des jüdischen Raubguts aussparte. Als das Unternehmen sich ein Jahr später um öffentliche Flächen für den Neubau seines Stammsitzes in Bremen bewarb, startete der Journalist gemeinsam mit der «taz» eine Spendenaktion und gab ebenfalls ein Kaufgebot ab – für vier Quadratmeter direkt vor der Firmenzentrale. Der Senat gab dem Logistikkonzern den Zuschlag, beschloss aber den Bau des Mahnmals an einer anderen Stelle.
Da seinerzeit neben dem Staat auch Firmen und Privatleute profitierten, wurden die Baukosten von rund einer halben Million Euro nicht nur von der öffentlichen Hand übernommen. 62.000 Euro stammen aus Spenden von Privatpersonen. Der Verein der Bremer Spediteure beteiligte sich ebenfalls – und damit auch Kühne und Nagel als Mitglied des Vereins.
In Bremen soll die Erinnerungskultur fortgeführt werden. «Derzeit wird eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die dem Senat Vorschläge machen wird, in welcher Struktur das Thema umgesetzt werden sollte», teilte ein Sprecher des Kultursenators mit. Evin Oettingshausen und Henning Bleyl wollen derweil auf eigene Initiative erinnerungspolitische Radtouren zu Orten in Bremen anbieten, die mit der Beraubung der jüdischen Bevölkerung verknüpft sind. «Im Weserstadion etwa wurden große Mengen «gebrauchter Oberbetten, Unterbetten und Kopfkissen» angeboten», berichtete Bleyl.
Nationalsozialisten nannten die Beschlagnahme, den Abtransport und den Verkauf des Hab und Guts von deportierten oder geflohenen Juden «M-Aktion». Das M stand für Möbel. Profiteure waren das NS-Regime, aber auch Speditionen, Museen oder Privatpersonen.
